LKC Bogensee
Leben & Kreativ Campus Bogensee

„Jugend und Manipulation“

Konzept für eine demokratische Bildungsstätte am Bogensee.

Bogensee ist ein Ort mit einem riesigen Potential für menschliche Aktivitäten. Im Folgenden sind einige Gedanken zu einem wichtigen Teilbereich der zukünftigen Nutzung des Ortes zu formulieren – der Bildungsarbeit. Und auch hier wieder nur zu einem Teilbereich, nämlich der politischen Bildungsarbeit im engeren Sinn. Außer dieser sind vielfältige Formen der Bildungsarbeit angedacht: Künstlerische Bildung, soziale Bildung, gesundheitliche Bildung, naturbezogene Bildung, ... . Es ist nicht sinnvoll, hier eine grundsätzliche Priorisierung vorzunehmen, vieles kann diesen Ort bereichern. Die politische Bildung kann von den Formen, Methoden und Inhalten der anderen Bereiche in hohem Maß profitieren.

Bei der Bestimmung der Ziele der Bildungsarbeit ist die Orientierung nach Adorno grundlegend: "Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung."

Es ist damit die Auseinandersetzung mit der bis heute aktuellen Frage gemeint, was demokratische Bildung sein kann. Durch welche Ziele und Methoden ist sie bestimmt, wie lässt sie sich abgrenzen von nicht-demokratischer Bildung?
Die Ergebnisse der wissenschaftlichen (d.h. unvoreingenommenen) Forschung zu Theorie und Praxis von Bildung/Erziehung in den deutschen Staaten sollen Grundlage für Bildungsformate (Ausstellungen, Schautafeln, Seminare, Medien) in Bogensee sein.

Welche Art Mensch sollte von der FDJ-Hochschule „gebildet“ werden, welche Menschenbilder lagen der Bildungsarbeit der Nazis und liegen den Konzepten der Bundesrepublik zugrunde?
Mit welchen Methoden sollten welche Ziele erreicht werden? Wo gibt es Kontinuitäten, wo Brüche? Was war die Wirklichkeit, was nur der Anspruch?
Was wollen wir heute?

Eine Gedenkstättenfunktion wird in Bogensee nicht im Vordergrund stehen. Es ist kein Friedhof und kein Ort der Trauer.
Insofern nimmt das ehemalige Goebbelssche Anwesen eine Sonderstellung ein. Der Bedeutung dieses Ortes muß angemessen Rechnung getragen werden, ohne einer Personalisierung von Geschichte Vorschub zu leisten. Hier sollte ein Zentrum für politische Bildungsarbeit eingerichtet werden. Es werden Ausstellungsräume und Seminarräume eingerichtet, evt. auch Büros für kleinere Forschungsprojekte.

Eine ständige Ausstellung stellt Struktur und Wirkungsweise der nationalsozialistischen Propaganda und der Kulturpolitik dar.
Es werden Bildungsangebote für Schulklassen und außerschulische Gruppen gemacht mit dem Ziel, den jugendlichen Teilnehmenden das Verständnis dieser Mechanismen zu ermöglichen und sie damit idealerweise gegen verschiedene Formen der Manipulation zu immunisieren.
„Moderne“ Medien stehen hierbei im Focus, sowohl als didaktische Hilfsmittel wie auch als Gegenstand der Kritik.

Auch die Geschichte der FDJ-Hochschule und die Nachnutzung als Bildungsstätte sowie die politischen Auseinandersetzungen der Nachwendezeit werden in einer Dauerausstellung aufgearbeitet, allerdings zum größeren Teil in einem anderen Gebäude.


Die Wertschätzung für Vielfalt in der Bildungsarbeit bedeutet nicht den Verzicht auf eine inhaltliche Profilierung. Ein Schwerpunkt neben der Jugendbildungsarbeit werden Weiterbildungsangebote sein für Menschen, die im Bereich von Bildung und Erziehung arbeiten. Die Bildungsstätte wird Leerstellen in der Weiterbildungslandschaft füllen mit Angeboten zur Selbstreflexion und gesellschaftlichen/historischen Verortung der KollegInnen.

Eine auf dem Gelände zu errichtende Kindertagesstätte soll von Beginn an als Modellprojekt geplant werden, das auch in die Weiterbildungsarbeit für exemplarisches Lernen eingebunden werden kann.Es geht dabei darum, den formulierten Anspruch an die Bildungsarbeit auch und gerade schon in der Elementarbildung umzusetzen.


1. Dokumentationen zur Geschichte des Ortes 

Ständige Ausstellungen

NS 
In Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Instituten wird eine Dauerausstellung im ehemaligen „Landhaus Bogensee“ entwickelt. Die Themenbereiche sind:

  • die konkrete Bedeutung des Ortes als Lebens- und Arbeitsort des Reichspropagandaministers (z.B. Sportpalastrede)
  • der Lebensstil der NS-Führungselite. Anspruch und Wirklichkeit der „Volksgemeinschaft“
  • die Bedeutung der Propaganda und Kulturpolitik bei der Formung nationalsozialistischen Bewußtseins, insbesondere bei jungen Menschen, insbesondere im Kontext der Ausgrenzung und Vernichtung von Minderheiten und der Kriegspolitik
  • Aspekte rechtspopulistischer und neonazistischer Propaganda heute
  • die weitere Nutzung des Gebäudes nach 1945

FDJ/Nachwende
In einem Gebäude der ehemaligen FDJ-Hochschule wird eine zweite Dauerausstellung ihren Platz finden.
Hier wird es darum gehen, die Bedeutung der Hochschule für die Kaderplanung der DDR herauszuarbeiten. Welche Entwicklungsphasen des Curriculums lassen sich identifizieren? Welches Menschenbild lag dem zugrunde? Was waren die Ziele? Welche Methoden wurden angewandt, wie sind diese zu bewerten (manipulativ, technokratisch, diskursiv/offen). Welche Erfolge kann die Hochschule im Sinne der Zielvorgaben des Staates für sich in Anspruch nehmen (Karrieren, Produktion von Legitimation...). Was waren die dunklen Seiten der Vorzeigeschule (Abhörstation im Keller...)?
Was gab es jenseits dieser engen Zielvorgaben ( internationale Freundschaften, Entwicklung eigenständigen Denkens, Widerstand...). 
Diese Ausstellung wird neben wissenschaftlicher Analyse und Dokumenten auch stark auf Zeitzeugenberichte und Exponate zurückgreifen können, so daß die Präsentation im hohen Maß von einer „Aura des Authentischen“ profitieren kann. Schließlich soll auch die kurze Zeit der Nutzung durch den IB dargestellt werden. Auch hier ist zu fragen nach Zielen und Zwecken, Methoden und Menschenbildern im Kontext der Bildungspolitik des vereinigten Deutschlands.


Temporäre Ausstellungen
Die Gebäude bieten viel Raum, um wechselnde Ausstellungen von verschiedenen 
PartnerInnen zu ermöglichen. Je nach Ressourcenverfügbarkeit können auch die Ergebnisse eigener Forschungsprojekte medial aufbereitet präsentiert werden. Auch die Ausstellung von Produkten, die im Rahmen der Bildungsarbeit entstanden sind, ist denkbar.

Schautafeln auf dem Gelände
Hierzu werden Projektfördermittel eingeworben und in Zusammenarbeit mit einschlägig befassten WissenschaftlerInnen wird das Gelände und, sofern zugänglich, die Gebäude, mit Stelltafeln ausgestattet. Auf dem Parkplatz wird TagesbesucherInnen auf einer Übersichtstafel ein Rundgang vorgeschlagen, auf dem diese sich einen fundierten Überblick über die Geschichte des Ortes verschaffen können.

Broschüren/Bücher/Webseiten
Für die demokratische Bildungsstätte wird eine Webseite erstellt, die wissenschaftliche Materialien sammelt und Informationen und Ankündigungen im Rahmen der Bildungsarbeit veröffentlicht. Erste publizistische Projekte sollten die Erstellung von Broschüren zum Ziel haben, um die interessierte Öffentlichkeit mit Basisinformationen zu versorgen. Je nach Ressourcenlage und Kooperationspartnern ist angestrebt, diese Projekte zu vertiefen


2. Bildungsformate

Führungen.                                                                                                                                                                                  Damit kann zuerst begonnen werden. Es gibt ausreichend Informationen, die einen Beginn von öffentlichen Führungen auf dem zugänglichen Teil des Geländes bereits im Sommer ermöglichen. Diese Führungen werden kontinuierlich inhaltlich verbessert und erweitert auf die Innenräume. Sie bilden einen festen Bestandteil der Bildungsarbeit.

Vorträge/Diskussionsveranstaltungen
Vorträge und Diskusssionsveranstaltungen zur Geschichte des Ortes und der zukünftigen Nutzung könnten bei Zugänglichkeit von Teilen der Gebäude noch in diesem Jahr für die interessierte Öffentlichkeit stattfinden. Dieses Bildungsformat wird auch später seinen festen Platz haben, die Möglichkeiten, die die Gebäude bieten, sind hier nahezu unbegrenzt.

Seminare                                                                                                                                                                              Tagesseminare und Mehrtagesseminare (Übernachtungsmöglichkeiten/Catering stehen zur Verfügung). Zentraler Ort für diese Form der politischen Bildungsarbeit wird das ehemalige Anwesen von Goebbels sein. Neben der Dauerausstellung, die auch vom Seminarbetrieb zu didaktischen Zwecken genutzt wird, werden mehrere Seminarräume in unterschiedlicher Größe eingerichtet, außerdem eine Cafeteria für die Zeit „dazwischen“. Für größere Veranstaltungen werden Mehrzweckräume der ehem. JHS genutzt.

Jugendseminare werden an die Lebenswirklichkeit der Teilnehmenden anknüpfen. In Bogensee bietet es sich an, über grundlegende Fragen nachzudenken: In was für einer Gesellschaft lebe ich, in welcher Gesellschaft möchte ich leben? Welche politischen Partizipationsmöglichkeiten habe ich?
Wie wird mein Denken, meine Wahrnehmung der Realität, von äußeren Interessen beeinflußt, wie kann ich versuchen, dem zu entgehen? Welche Rolle spielen bei der Beeinflussung die (sozialen) Medien, was sind Wege zu einem souveräneren Umgang damit? Was sind die „minima moralia“?
Die Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit von Jugendlichen in den vergangenen Gesellschaften kann hier zu einer Klärung beitragen. Für die Zeit der DDR kann dabei auf unmittelbare Erfahrung zurückgegriffen werden, z.B. durch Einbeziehung von ehemaligen 
AbsolventInnen der JHS oder/und ehemaligen Oppositionellen. Wichtig wird auch die Auseinandersetzung mit aktuellen autoritären Konzeptionen von Staat und Gesellschaft sein.

Grundsätzlich ist neben einer solchen inhaltlichen Profilierung eine thematische Offenheit der politischen Bildungsarbeit notwendig und selbstverständlich.

Die demokratische Bildungsstätte wird außerdem auch Infrastruktur für Bildungsveranstaltungen aus anderen Bereichen der Genossenschaft zur Verfügung stellen und nicht zuletzt auch mit externen Anbietern kooperieren.

Ein weiterer großer Bereich wird politische Bildung (Anerkennung als Bildungsurlaub angestrebt) und Fortbildung von Beschäftigten/Engagierten im Bildungs- und Erziehungsbereich sein. Die Profilierung der Bildungsstätte wird auch hier über Angebote zur Thematisierung der grundlegenden Fragen, vor dem Hintergrund der Vergangenheit des Ortes, erfolgen.

Es geht um eine Selbstverortung derjenigen, die unsere Gesellschaft „bilden“. Was sind heute die autoritären, manipulativen Versuchungen in Kita, Schule, Bildungsstätte?

Internationale Begegnungen                                                                                                                                                           Als Ausgangspunkt für internationale Jugendbegegnungen bietet sich der Ort an durch eine Kombination von politischem Lernen am historischen Ort, Naturerfahrung und Metropolenanbindung. Eine thematische Profilierung könnte „Jugend und Manipulation“ heißen.

Als Kooperationspartner bieten sich insbesondere einschlägige Kurse in den Berliner und Brandenburger Oberschulen, die MItgliedsverbände der Landesjugendringe Berlin und Brandenburg sowie das Erschließen eigener Kooperationspartner an.

Auch für die Berliner Städtepartnerschaften und die Partner der Brandenburger Gemeinden bietet sich Bogensee als Anlaufstation an.


3. Zielgruppen 

Jugendliche
Brandenburg-Berlin-Deutschland-international

BildungsarbeiterInnen                                                                                                                                                             ErzieherInnen in Kitas und Schulen
LehrerInnen, BildungsreferentInnen

Sonstige                                                                                                                                                                      TagesbesucherInnen, interessierte Öffentlichkeit


4. Synergien im Projekt, Ressourcen, Finanzierung

Nach unserer Einschätzung ist auf absehbare Zeit keine auskömmliche institutionelle Förderung der Bildungsstätte zu erwarten. Die politische Bildungsarbeit wird deshalb von verschiedenen Formen der Projektförderung getragen.

Die Gebäude der Bildungsstätte werden im Rahmen der grundlegenden Sanierung (zunächst sicher-trocken-warm) der gesamten Anlage vorrangig gesichert gegen baulichen Verfall, Elementarschäden und Vandalismus und in einen Zustand versetzt, der einen Beginn der Bildungsarbeit ermöglicht. Betriebskosten werden, sofern sie nicht durch Mittel der Projektförderung aufgebracht werden können, vom Gesamtprojekt getragen. Ebenso werden zur Finanzierung der Ausstattung Fördermittel eingeworben. Das    ZZF Potsdam erarbeitet derzeit eine Ausstellung zur Geschichte des Ortes. Wir hoffen, daß  wir bei der Entwicklung unserer Dauerausstellung hierauf aufbauen können.

Methodisch wird die politische Bildungsarbeit in hohem Maße von den Kompetenzen der anderen Bereiche des LKC Bogensee profitieren. Für die produktorientierte Bildungsarbeit werden die Künstlerwerkstätten von unschätzbarem Wert sein, über das Theaterprojekt lassen sich wertvolle theaterpädagogische Elemente in die Bildungsarbeit integrieren. Das steht auch zu erwarten von den Projekten der ökologischen Landwirtschaft und der fortschrittlichen Energieversorgung (Solardächer, Wasserstoffstrategie).



 
E-Mail
Infos